Danzig-Kaliningrad

Jetzt hat mich Thomas Cook im Stich gelassen. In den mir zur Verfügung stehenden Ausgaben der European Rail Timetables wird für die Verbindung Danzig-Kaliningrad zweimal täglich ein Zug ausgewiesen. Um 8:13 und um 11:46. Ich wollte auf den 8:13 buchen. Zunächst beschied man mir am Bahnhof, dass ich diesen Zug nicht buchen könne, sondern im Zug ein Ticket kaufen sollte.
Ein Blick auf den Abfahrtsplan, sollte mir sagen, auf welchem Bahnsteig der Zug abfährt. Ich konnte den Zug jedoch nicht finden. Die Dame im Passenger Information Center spricht perfekt Englisch und erzählt mir, dass es diesen Zug nicht gibt, noch nie gegeben habe und dennoch oft Touristen danach fragen. Mit krauser Stirn in mein Kursbuch schauend, meinte sie, jetzt wisse sie, warum die Leute nach dem Zug fragen.
Ein gut deutsch sprechender Pole meines Alters erklärt mir, dass es früher, viel früher unter der sozialistischen Völkerfreundschaft, einen solchen Zug geben habe. Aber heute gehöre Polen zur EU. Und ich weiss nicht, ob er es spöttisch oder stolz sagt. Ich solle es mal am Busbahnhof versuchen.

Und richtig, ich kann bei der PKS, einer polnischen Fernbusgesellschaft ein Ticket für einen Bus nach Kaliningrad kaufen. Die Strecke wird (selbstverständlich?) nicht von der PKS bedient, sondern von der halbstaatlichen Fernbusgesellschaft der Selepadk Trans des Oblast Kaliningrad. Dreimal täglich geht der Bus (6, 15 und 17 Uhr).
Als Bussteig haben die polnischen Kollegen den letzten und ungepflegtesten Platz am Busbahnhof ausgesucht und ihn St. 11 genannt. Kein Dach, keine Sitze, kein Hinweis auf den Bus, nur ein Schild mit der Nr. 11. Allerdings mit eigener Ausfahrt, so dass ein anderer liegengebliebener Bus unsere rechtzeitige Abfahrt nicht behindert.
Der Bus kommt pünktlich und Sergej, unserer Fahrer, ist jung, freundlich und gut gelaunt, trotz der frühen Stunde. Der Bus ist modern, hat ca. 25 Plätze, ein türkisches Modell (technische Aufschriften sind auf türkisch mit russischem Aufkleber darüber).

Außer dem Fahrer und mir fahren nur sieben Frauen mit. Polinnen mit Bekannten in Kaliningrad, Russinnen mit ihren Einkäufen aus Danzig und meine Nachbarin, eine ca. Mitte 40jährige Bulgarin, die in ihren 20er nach Norwegen geheiratet hat. Sie meint, sie spreche besser norwegisch als russisch. So kann ich mein Norwegisch etwas aufpolieren. Es werden vergnügliche norwegisch-russisch-englisch-sprachige Stunden.
Als ich ihr noch erzähle, dass ich nicht nur Sofia und Varna am schwarzen Meer kenne, sondern auch Schumen und Plovdiv habe ich ihr Herz gewonnen. Sie kommt ursprünglich aus Plovdiv. Jedenfalls schlägt sie sehr resolut den polnischen Frauen vor, meine restlichen Zloty in Rubel zu tauschen, als ich den Fahrer frage, ob man an der Grenze Geld wechseln kann. Kann man nämlich nicht.

An der Grenze – eine EU-Außengrenze – geht es zu, wie im kalten Krieg – nur dass das Personal jünger und weiblicher, ja sogar freundlicher ist als in früheren Zeiten. Manche lachen sogar und unser Fahrer wird mit einer Umarmung empfangen.

Die Gebäude sind aber genauso heruntergekommen  und teilweise furchteinflößend, wie ich sie kenne. Hochmodern dagegen die Gebäude auf der polnischen Seite der Grenze auch die Ausrüstung der polnischen Grenzer. Sie sichern eben die EU-Außengrenze mit Unterstützung der FRONTEX und sind dabei sehr ernst. Sie lächeln nicht, winken uns aber nach einer kurzen Passkontrolle durch.
Auf der russischen Seite unterwerfen wir uns der üblichen Prozedur mit Aussteigen, Prozession am Pass-Schalter, warten auf den Bus, der aus dem Zollbereich kommt und der Beantwortung Fragen nach einzelnen Gepäckstücken. Alles, wie ich es kenne, nur irgendwie entspannter. Die russischen Frauen, die augenscheinlich in Danzig Waren für ihren Kiosk gekauft haben, bestehen härtknäckig darauf, dass es nur für den privaten Verbrauch bestimmt sei. Auch das ist ein Unterschied, in früheren Zeiten habe ich nie russisches Grenzbeamten diskutieren und verhandeln gesehen. Da wurde getan, was sie gesagt haben. Nun diskutieren sie laut und heftig mit den Frauen. Irgendwann gehen alle in eines der Häuschen und kommen mit einem zufriedenen Blick wieder heraus.
Alles dauert ca. eine Stunde. Sergej verliert nicht seine gute Stimmung und versucht auch uns bei Laune zu halten. Er scherzt mit den Grenzbeamtinnen, die lächelnd seinem Charme erliegen.

Von der Grenze  sind es nach 50 Minuten Fahrt nach Kaliningrad – der Stau in die Stadt kostet uns eine weitere Stunde. Wir sind insgesamt ca. fünf Stunden unterwegs. Kurzweilige Stunden mit Geschichten und Anekdoten aus dem interkulturellen Kontakt zwischen Ost und West.
Am Busbahnhof (Avtovoksal) verhandelt meine norwegische Bulgarin noch mit einem Taxifahrer den Fahrpreis in mein Hotel. Erst wollte er 400 Rubel, die sie auf 200 herunterhandelt. Meine Frage, was das in Euro kostet, weil ich noch nicht genügend Rubel hatte sagte der Taxifahrer 10 EUR. Dies löste bei meiner neuen Freundin bulgarisch/russische Proteste aus, so dass der Taxifahrer sich auf 5 EUR einließ. So schlecht war ihr Russisch dann doch nicht.
Alina, meine norwegisch-bulgarische Bekannte, meinte zu Abschied noch, dass es ihre Schwester besser getroffen habe als sie, weil sie hier in Kaliningrad, „im Süden“ leben kann. Denn die Russen, nicht die Kommunisten, wie sie betont, seien ein Volk mit Herz – anders als die Norweger, bei denen sie seit 20 Jahren leben müsse. Der Abschied ist herzlich, aber fällt schwer.

7 Antworten zu “Danzig-Kaliningrad

  1. Hallo Herr Meder,
    Ich habe mit Spannung ihren Bericht gelesen.
    Wir stehen im September auch vor einer Fahrt mit dem Rad von Danzig nach Riga. Abkürzen wollten wir die Stecke mit dem Zug und zwar von danzig nach Kaliningrad.habe Sie genauere Tipps für uns? Von welchem Bahnhof in Danzig sind sie gestartet? Würde mich über eine Antwort sehr freuen!
    MfG Breitbart

    • Vielen Dank!
      Nun, wie ich beschrieben habe, ist es (im Moment) wohl nicht möglich mit der Bahn von Danzig nach Kaliningrad zu fahren. Ich bin mit dem Bus gefahren. Ob man im Bus Fahrräder mitnehmen kann, kann nicht nicht sagen. Als ich fuhr, war der Bus fast leer, so dass Platz gewesen wäre. Ich gehe mal davon aus, dass bekannt ist, dass man für Kaliningrad ein Visum benötigt. Das muss vorher vom Heimatland aus beantragt werden. An der polnisch/russischen Grenze kann man als deutscher Staatsbürger kein Visum für Russland bekommen.
      Der Busbahnhof liegt direkt hinter dem Eisenbahnhof (Danzig Hauptbahnhof). Am Busbahnhof ist auch ein Fahrkartenschalter für die Bustickets. Ich musste dort meinen Pass mit dem Visum zeigen, damit ich ein Ticket bekommen konnte.

      • Vielen Dank für die schnelle Antwort. Das Visum liegt uns schon vor. Es geht wirklich nur um die Verbindung. Letztes Jahr hatten wir mit der Rückreise von Danzig nach München am Bahnhof schon unsere Probleme.
        Wir landen am Mittwoch den 03.09 um 20.50uhr. Jetzt ist die Frage, ob der Fahrkartenschalter noch offen hat, oder am nächsten Tag schon offen ist?
        Sind sie nach Kaliningrad weiter gereist?

      • Ich bin mir nicht sicher, ob ich recht verstehe. Im Blogbeitrag steht doch sehr klar, dass ich von Danzig nach Kaliningrad mit dem Bus gereist bin und auch in meiner Antwort auf die Frage habe ich klar gesagt, dass man (derzeit, 2013) nicht mit dem Zug fahren kann weil es, trotz anders lautender Fahrpläne, keine Zugverbindung Danzig-Kaliningrad gibt.
        Der Busfahrkartenschalter hatte seinerzeit nur vormittags geöffnet. Der Bus fährt sehr früh morgens, da hatte der Schalter noch nicht geöffnet.

  2. Vielen Dank für die ausführliche Info. Sehr hilfreich. Ich plane eine Reise nach Danzig im September und sehe dass es nicht sooo weit nach Kaliningrad ist. Rubel in Polen wechseln ? Ist Kaliningrad ok für eine alleinstehende wohl erwachsene Frau ? Habe keine Interesse an das Nachtleben. Das Leben am Tage ist mehr als interessant genug. Haben Sie Tips wenn es um Sehenswürdigkeiten gibt ? Schöne Grüsse von einer Norwegerin.

    • Hallo, ich freue mich, dass Ihnen der Bericht gefällt.
      Kaliningrad ist auch für alleinreisende Frauen kein Problem. Sie sollten nur bedenken, dass Sie ein Visum benötigen. Das kann man im Prinzip auch an der Grenze bekommen, allerdings ist es besser schon vorher zum Heimatland ein Visum bei der russischen Botschaft zu beantragen und es im Pass zu haben. Rubel müssen nicht vorher getauscht werden, es werden die üblichen Kreditkarten akzeptiert und es gibt Geldautomaten, an denen man mit der Kreditkarte Geld abheben kann.
      Ich habe mit dem Hotel Skipper, sowohl was Preis und Lage betrifft gute Erfahrungen gemacht. Es liegt am (wieder aufgebauten) alten Hafen direkt an der Kathedrale, die schon die größte Sehenswürdigkeit ist. Aber auch die anderen nach dem Krieg übriggebliebenen Sehenswürdigkeiten sind von hier aus gut zu erreichen: Park, Bootsfahrt auf Fluß und Kanal, Flottenhafen und die (auch wieder aufgebaute) Festung mit dem Bootsmuseum. Einen Gang in die etwas entferntere Wohnsiedlung (mit Hochhäusern) und dort ein lokales Eis oder einen Tee am Kiosk zu nehmen, kann ich auch nur empfehlen. Keine Sorge: die Kaliningrader sind freundliche Menschen und helfen gerne, falls man sich verlaufen hat. Ein Abendessen auf einer der Terrassen eines Restaurants an der Hafenpromenade läßt den Tag schön ausklingen. Wenn man Glück hat gibt es ein Feuerwerk, mit dem Hochzeitspaare ihren großen Tag feiern (Hochzeit in Kaliningrad ist sehr beliebt bei Russen).
      Ich wünsche eine gute Reise.
      Falls Sie nach Fragen haben, beantworte ich sie gerne.

      PS: Da fällt mir noch ein, dass man vom Busbahnhof zum Hotel Skipper mit dem Taxi fahren sollte. Es ist zu Fuß recht schwer zu finden. Preis vorher aushandeln sollte heute nicht mehr als 10 Eur Kosten.

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