Kaliningrad

Kaliningrad ist nicht das alte Königsberg, das möglicherweise die vielen deutschen Touristen suchen. Kaliningrad ist die westlichste Stadt Russlands, liegt im Kaliningrader Oblast und der Oblast in eine Enklave im EU-Gebiet. Es gibt Gründe, warum Russland nach Auflösung der Sowjetunion und der neuen Unabhängigkeit vom Litauen, Lettland und Estland Kaliningrad nicht aufgegeben hat. Woran hätte es denn angeschlossen werden sollen?

Nach dem zweiten Weltkrieg hat hier kein Stein mehr auf dem anderen gestanden. Die meisten deutschen sind in den Westen gegangen und die verbliebene meist russische Bevölkerung hat die Stadt wieder aufgebaut. Die Rekonstruktion der historischen alten Teile war da zunächst nachrangig. Und so ist eine russische Stadt mit vielen jungen Menschen und relativ hohem Lebensstandard und vielen jungen Menschen entstanden.
Kaliningrad ist nicht Königsberg und deshalb wurde es auch nicht wieder so benannt.

Kaliningrader mit denen ich ins Gespräch komme, meinen aber, ihre Stadt sei eher untypisch für russische Städte. Ja, sie ist anders als Moskau, Saratow, Wolgograd, Tyumen, Ekaterinburg und Novosibirsk. Aber sie alle haben ihre für russische Städte typischen Kontraste und Widersprüchlichkeiten. Faszinierend finde ich das Nebeneinander von Hochglanzgebäuden und teils sehr heruntergekommenen sowjetischen Bauten, von alt und neu, von Reinlichkeit und Schmutz.
Es scheint Bereiche zu geben, für die sich niemand zuständig hält. Das beginnt beim Hausflur, in den unseligen Plattenbauten. Die Hausflure sehen oft aus als seien sie noch im Rohbau oder sie sind heruntergekommen, die Wände mit Grafiti besprüht. Nachts läuft man Gefahr ohne Beleuchtung bis in die oberen Stockwerke laufen zu müssen. Der Kenner hat immer eine kleine Taschenlampe dabei. Die Wohnungen aber sind frisch renoviert und modern eingerichtet. Die Bäder vor allem beeindrucken.
Natürlich gibt es inzwischen auch neue Mehrfamilienhäuser, deren Flure von den Eigentümern der Wohnungen gepflegt werden bzw. sie beauftragen jemanden damit. Diese Häuser gleichen dann eher den gated communities. An der Eingangstür zum Haus sitzt eine Wache. Das Wohnen dort sei unerschwinglich für normale Bürger.

Das Bahnhofsgebäude ist innen und außen blitzblank und auch einige der neu errichteten oder restaurierten Gebäude aus der Vorkriegszeit: Kathedrale, Fort Friedrichsburg und eine hafenseitige Häuserzeile des Fischerdorfs. Auch die Vorplätze mit den zugehörigen Grünanlagen sind, soweit sie zum Gebäude gehören, gepflegt. Doch ein paar Meter weiter sind Straße und Gehsteig in einem grausigen Zustand. Riesige Schlaglöcher, verwitterter Gussbeton oder fehlenden Platten auf den den Wegen.
Bei manchen Plattenbauten kann man von außen sehen, dass der Besitzer der Wohnung sich um seine Wohnung kümmert andere Wohunungen sehen schon von außen verwahrlost aus.

Die Menschen scheinen aus mehreren Personen zu bestehen. Im Amt (Bahnhof, Post, Hotelrezeption) sind sie oft mürrisch und abweisend.  Bei Fragen und Problemen ihrer Klienten bleiben sie gleichgültig. Sieht man sie außerhalb ihres Amtes, durchaus noch in ihrer Amtskleidung (in der Pause zum Beispiel), sind sie herzlich, lächeln, ja lachen sogar.
In privaten, persönlichen Kontakten kann ich mir kaum herzlichere Menschen vorstellen. Gute Bekanntschaften macht man übrigens mit Menschen aus Russland als Schicksalsgemeinschaft: bei Grenzkontrollen, im Fernbus, zu gemeinsamen Zugabteil oder wenn man gemeinsame auf irgendeinen Service wartet.

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In Kaliningrad bemerkt man die höhere nördliche Breite schon. Es ist lange hell. Auch weil im Vergleich zu Deutschland die Uhr eine Stunde vor geht. Zudem ist Kaliningrad bei Russen, Ukrainern und Weissrussen eine beliebte Ostseebadestadt. Meine neuen Bekannten, Michail und Daria, die ich in einem Cafe traf, erklären mir, dass für die Russen im Westen, Kaliningrad der beste Zugang zur den Ferien an der Ostsee sind. St. Petersburg sei zu teuer und eher etwas für Kultur, Kaliningrad ist für die Familienostseeferien. Viele West-Russen machen auch in Kaliningrad ihre Flitterwochen, so wie die beiden auch, die aus Kalyazin, einem Örtchen nördlich von Moskau stammen und seit dem jedes Jahr wieder hierher kommen.

An der Flusspromenade des „Fischerdorfes“, an der mein Hotel liegt, ist bis spät in die Nacht (bes. Freitag und Samstag) lautstark viel los. Jetzt, da die Sonne lange scheint ist es warm genug für die Nachtschwärmer. Und es sei so schön hier, meinen Michail und Daria. Gemeinsam beobachten wir, wie an der Promenade geflirtet wird. Getrunken wird Bier und  Vodka – auch von Frauen. Diese trinken Alkohol nur, wenn Männer dabei sind oder sie sich zu ihnen setzen und sie einladen. Für sich selbst allein oder in Gruppen bestellen sie meist Saft oder Softdrinks. Weine werden meist von Ausländern bestellt.

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Merkwürdig ist noch, dass es in Kaliningrad keine Ansichtskarten zu geben scheint. Nicht an den touristischen Hotspots und auch nicht in ganz normalen Schreibwarenläden. Meine Frage nach dem Warum wird sowohl an der Hotelrezeption als auch im Schreibwarenladen und an der Post mit einem Schulterzucken beantwortet.
Auch Stadtpläne sind nicht zu bekommen. In einem Buchladen habe ich einen historischen Plan von Königsberg (mit 1000 Rubel = 25 EUR völlig überteuert) gefunden.
Stadtpläne und Landkarten waren  schon immer schwer zu bekommen in Russland . Schon vor Jahren war das so. Schon damals konnte mir niemand genau sagen warum das so ist. Ich habe da so meine „Geheimhaltungsphantasien“.

In der Post, in der ich nach Ansichtskarten fragte, fällt mir auf, dass es bei der Rossia Posta (die CI.Farbe ist übrigens blau) genau die Services gibt, wie auch bei uns. Sogar Postpakete kann man hier kaufen und die Envelope-Services für Expressbriefe gibt es auch. Doch einen Dienst gibt es, den wir nicht kennen. Man kann seine Sendung auch unverpackt zur Post bringen. Dort wird es dann in einen Leinensack gesteckt. der dann an der offenen Seite mit einer Ale mehrmals durchstochen wird, dann wir ein fester Faden hindurchgezogen und der Sack verplombt. Beschriftet wird der Sack dann mit Edding und Textmarker. Ganz zum Schluss kommt noch ein Aufkleber mit einem Scancode drauf. Hier trifft Altes auf Neues. Leider war die Postbeamtin (s. oben) gar nicht einverstanden, dass ich die Sache fotografiere.

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Auch Einkaufszentren gibt es natürlich in den russischen Städten. Die bei uns inzwischen moderne shop-in-shop-Lösung gibt es in Russland schon lange. Das berühmte Kaufhaus GUM in Moskau besteht eigentlich nur aus kleinen Geschäften in einem Haus über mehrere Etagen. Auch in Kaliningrad gibt es Einkaufszentren in Mengen. Mein liebstes ist das „Baltische Businescenter“. Oben Büroturm und im Basement und den zwei Etagen darüber Geschäfte. Mal nicht die üblichen Hightstreetmarken, sondern russische kleine Lädchen: Schreibwaren, „Produkti“ = Allerlei, Cafes, und nicht weniger als fünf Friseure. Außerdem Kinderwagen, Blumen, Stoffgeschäfte und ein Geschäft mit Kissen und Bettdecken. Letzteres heißt Passionata und hat nicht mit der bei uns bekannten Dessous-Marke zu tun.

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