Eine Bahnfahrkarte nach Vilnius

Darina von der Rezeption des Hotel „Shkipper“ in Kaliningrad hat für mich herausbekommen, ob und wann der ein Zug nach Vilnius geht und ob ich am Samstag eine Fahrkarte kaufen kann. Nachdem Thomas Cook beim letzten Mal irrte, wollte ich nun sicher gehen. Tatsächlich fährt ein Zug, wenn auch etwas später als im Fahrplanbuch von Thomas Cook angegeben.

Natürlich geht es an russischen Bahnhöfen anders zu, als wir es so gewohnt sind. Darina sagte mir, dass das Ticket-Office von 11-12 Uhr geschlossen sei, aber sonst bis 20 Uhr geöffnet habe.Wie ich am Bahnhof erfahre, ist das mit den Öffnungszeiten aber komplizierter: Grundsätzlich sind die Fahrkarten Schalter geöffnet in der Zeit von 8:30 bis 20:00 Uhr, auch Samstags. Aber die Schalter (insgesamt 16) machen abwechselnd Mittagspause in der Zeit von 11 bis 14 Uhr immer jeweils eine Stunde und immer um eine halbe Stunde versetzt. Dies bedeutet, dass in dieser Zeit durchaus mehrere Schalter gleichzeitig geschlossen haben. Und im Vormittags- und Nachmittagsblock gibt es jeweils zwei mal zehn Minuten Pause, auch versetzt. Darüber hinaus werden die Zeiten üblicherweise als Moskauer Zeit (eine Stunde später als Kaliningrader Zeit) angegeben. Überhaupt gilt, sobald man den Bahnhof betreten hat, auch in den Zügen, Moskauer Zeit; Abfahrtszeit auf dem Ticket, im Fahrplan und auf allen Anzeigen im Bahnhof (an der Hauptanzeige steht hilfreicherweise, wie spät es im Moment nach Moskauzeit ist).
Damit beim Unkundigen mit den Pausenzeiten keine Konfusion entsteht, stehen diese in Moskauer und lokaler Zeit auf den Schildern. Jedes Schild ist auf die Pausenzeiten am jeweiligen Schalter angepasst.

Wenn man sich also in die Warteschlange stellt, sollte man darauf achten, sich nicht in die Schlage einzureihen, bei der Schalter gleich Mittagspause macht. Die Menschen, die sich an der Schlage vorbei nach vorne bewegen, wollen sich also nicht vordrängeln, sondern nachschauen, wann die Pausenzeiten sind. Nur Unkundige (meist ausländische Touristen) weisen den vermeintlichen Vordrängler darauf hin, wo bei der Schlange hinten ist.
Die Zehnminutenpausen werden akkurat eingehalten: Mitten im Prozess des Kartenausstellens (was eine längere Prozedur ist) wird das Schild mit den Pausenzeiten vor das Fenster geschoben und der Kunde muss 10 Minuten warten.

An welcher Schlage man sich anstellt ist auch aus anderen Gründen genau zu wählen: Will man mit (westlicher) Kreditkarte bezahlen, sollte man das Zeichen seiner Kreditkartengesellschaft suchen. Allein das „e“ mit dem russischen Hinweis, dass hier mit Karte bezahlt werden kann, reicht nicht aus. Dies könnte sich nur auf russische Bankkarten beziehen. Fast unnötig zu sagen, dass es unterschiedliche Schalter für Inland (hier: Oblast Kaliningrad, nicht (!) Russland) und internationale Züge gibt. Mein Zug fährt zwar nach Moskau, fährt aber durchs Ausland (mit Halt in Vilnius) und ist deshalb ein internationaler Zug. Alle Kunden an den internationalen Schaltern benötigen einen Pass, auch die Russen, auch diejenigen nach Moskau oder in andere Städte Russlands wollen.

Die Prozedur, ein Ticket zu bekommen ist sehr zeitaufwändig und wohl auch für die (ausschließlich) Damen auf den anderen Seite des Schalters sehr kompliziert. Deshalb brauchen sie wohl regelmäßig Pausen und vor allen Schaltern bilden sich lange Schlagen.
Es kann zwischen 10 und 25 Minuten dauern und man muss zwischen 3 und 7 Mal irgendetwas bestätigend unterschreiben. So habe ich es jedenfalls in meiner Schlange beobachtet, ohne die Gründe für die Unterschiedlichkeit zu erkennen.
Ich bin mit 15 Minuten und 5 Unterschriften (einschließlich Kreditkartenzahlung) davon gekommen. Die Prozedur schließt dann damit, dass der gesamte Texte auf der Fahrkarte vorgelesen wird. Wenn der Kunde nickt, wird die Karte durchen den Schlitz unter der Trennscheibe geschoben.

Die kundigen Russen haben eine ausgefeilte Technik um mit diesen Schlangen an den Fahrkartenschaltern umzugehen. Wehe den Alleinreisenden: Nur ausländische Touristen stehen in einer Schlange. Der Profi rückt mit 5 bis 10 Freunden und/oder Familienmitgliedern an. Jeder stellt sich an einer anderen Schlange an. Das ganze wird per Handy koordiniert, denn falls mehrere Personen reisen, müssen die Pässe aller Personen im richtigen Moment in der richtigen Schlange sein. Denn nur eine Person kauft die Tickets. Und welches der richtige Moment ist, lässt sich nicht so einfach absehen. So kann es sein, das man sich schon an der Reihe glaubt, doch bevor man sein Anliegen vortragen kann, kommt ein Kriegsveteran in zivil, aber mit vielen Orden behängt an allen vorbei und stellt sich ungeniert vorne hin und fragt die Dame hinter der Scheibe, nach Angeboten für Senioren, für Soldaten und Veteranen, erzählt auf seine Orden zeigend wo er gekämpft hat und was er alles fürs Vaterland getan hat und das jetzt alles schlimm sei.
Nur die jüngeren in der Schlange protestieren, niemand tut etwas und die Dame hinter der Scheibe beantwortet geduldig alle Fragen.
Inzwischen hat vielleicht an anderes Familienmitglied den Kopf der Schlange erreicht und telefoniert die anderen herbei.
So ist es ein ständiges Kommen und Gehen und der Unkundige hat es schwer, sich zu orientieren. Vor allem steigt beim ungeübten der Stresslevel. Aber es geht schneller als man denkt und wer berechtigterweise mit fester Stimme auf seiner Schlangenposition besteht, wird von allen respektiert.

Insgesamt scheint mir das Schlangestehen an Fahrkartenschaltern eine Mischung aus demütiger Meditation und organisatorischer Pfiffigkeit zu sein. Ich hatte ja Zeit und konnte mir das Schauspiel in Ruhe ansehen, mehrfach die Schlage wechseln, mit den Damen (auf unterschiedlichen Seiten des Schalters) Pause machen und hatte am Ende viel gelernt und mein Russisch verbessert.

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