Mit dem YANTAR von Kaliningrad nach Vilnius

Genauso hatte ich es mir vorgestellt! Lange ist es her, doch genau daran kann ich mich noch erinnern. Schon die Abfahrt ist viel entspannter. Ich komme eine Stunde vor der Abfahrt am Bahnhof an – es herrscht wieder gediegene Stille im Bahnhof, nur an den Fahrkartenschaltern herrscht Betriebsamkeit.

Der Zug steht schon im Gleis, als ich den Bahnsteig betrete. Die Menschen stehen entspannt beisammen und unterhalten sich auf dem großzügigen Bahnsteig. Hier folgt die Bahnsteig- und Gleiszählung einem anderen Schema als in Danzig, doch wird ebenfalls beides gezählt: Bahnsteige: 1 2 3 4 5 6, Gleise 1/1a 2/3 4/5  6/7 8/9 10. Mein Zug fährt von Bahnsteig 4, Gleis 6, „klassifizierter Zug“ YANTAR nach Moskau über Vilnius.
Der Zug steht da und wartet. Die Türen öffnen sich und vor jeden Waggon-Tür stellt sich eine perfekt in der Dienstkleiidung der Bahngesellschaft gekleidete Waggon-Begleiterin genau an der Linie auf, mit Blick in Fahrtrichtung. Vor dem Betreten des Zuges muss jeder sein Ticket und seinen Pass der Waggon-Begleiterin zeigen. Freundlich aber bestimmt, weist sie den Kupé (Abteil-) und Sitzplatz an.
Die Begleiterin von Waggon 8, Evgenia, wie ich später erfahre, ist nicht nur für die Tickets zuständig, sondern für auch für alle anderen Anliegen der Fahrgäste in „ihrem“ Waggon, für Getränke zum Beispiel.

Auch in den Zügen geht es viel entspannter zu. Die Kupés sind mit bis zu vier Personen belegt und es befinden sich vier Betten im Kupé zwei oben, zwei unten. Die oberen sind schon gemacht, die unteren Bänke sind noch hochgeklappt, damit das Gepäck darunter verstaut werden kann.
Wenn das Kupé nicht mit vier Personen belegt ist, kann man unten sitzen und oben schlafen, ohne immer alles wegräumen zu müssen.
Ganz in Ruhe kann man sein Abteil vorbereiten. Der Zug wird nur zweimal auf seinem zwanzigstündigen Weg nach Moskau halten: einmal in Vilnius und einmal in Minsk. Das heißt, man hat eine gute Chance, die ganze Reise mit den gleichen Leuten im Kupé zu verbringen. Man macht sich bekannt und verstaut gemeinsam das Gepäck.

Allerdings wollte die Dame am Fahrkartenschalter mir wohl etwas gutes tun und hat mich allein ins ein Abteil gesetzt. Oder es ist Zufall, weil der Waggon ohnehin nur zu einem Drittel belegt ist.
So allein erwecke ich wolhl das Mitleid von Evgenia und Natascha, ihrer Kollegin, die durch den ganzen Zug läuft und Souvenirs der Bahngesellschaft verkauft. Sie setzen sich zu mir, wenn sie gerade nichts zu tun haben.

Doch zunächst bin ich allein im Kupé und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Dann stellt sich auch schon Dima vor. Er ist der Waggonkellner und für das „Dinner“ zuständig. Ihm unterstehen die Waggon vor dem Speisewagen, seinem Kollegen die nach dem Speisewagen. Er weist mich darauf hin, dass das Dinner im Fahrpreis enthalten ist und zieht die Karte aus den Unterlagen, die in jedem Abteil liegen. Ich kann wählen zwischen Fisch, Hühnerfleisch oder Schweinefleisch als Hauptgang. Nicht gut für Vegetarier. Ich wähle den Fisch, weil ich vermute, dass die Beilagen (Erbsen und Kartoffelpüree) am ehesten satt machen.
Dima bedankt sich, verschwindet und kommt gleich wieder um eine Tüte mit Vor- und Nachspeisen, sowie weiteren Utensilien zu bringen: Mineralwasser und Becher, Brötchen und Salamiaufschnitt, Zahnstocher, Servietten, Plastikbesteck und Erfrischungstuch.
Kurze Zeit später bringt er das Hauptgericht in heißem Alufoliengefäß.

Nach dem Essen habe ich noch kurz Zeit den Inhalt des „Vanitybags“ zu erkunden: Es enthält Einmalpantoffeln, Schuhanzieher, wieder Erfrischungstücher und Zahnbürste mit Zahnpasta. In einer weiteren Tüte befinden sich die frische Bettwäsche für das untere Bett und die Handtücher. Dazu muss man wissen, dass ich zwar nur ca. sechs Stunden an Bord sein werde, der Zug insgesamt aber von 13:06 Uhr bis 9:35 Uhr (Moskauzeit) am nächsten Morgen unterwegs sein wird.

Dann bringt Evgenia den Kaffee. Sie muss mir zuletzt den Kaffe gebracht haben, denn sie setzt sich zu mir und nach kurzer Zeit kommen Natascha und Dima dazu. Sie fragen wo ich herkomme. Ich berichte von meinem Projekt und alle sind einhellig der Meinung, dass das nur Deutschen einfallen kann. Wie ich Kaliningrad finde, wo ich sonst schon war, in Russland, wollen sie wissen.
Evgenia lächelt sogar und legt ihre Schaffnermütze ab, als ich frage, ob Dima der einzige Mann an Bord ist. Mir war aufgefallen, dass vor den Waggons nur Frauen als Waggonbegleiterinnen standen. Auch die Souvenirverkäuferinnen sind weiblich.
Evgenia lacht und meint, dass die Waggonbegleiterinnen traditionell Frauen seien. Ihr Chef, der Zugführer aber ein Mann sei. Dazu kämen noch Dima und sein Kollege und natürlich die beiden Lokführer. So sind es immerhin fünf Männer bei 22 Personen Personal auf dem Zug von Kaliningrad nach Moskau.
Dima fragt mich aus, wie es auf deutschen Zügen ist und er kann kaum glauben, dass es Vergleichbares bei uns nicht gibt. Ich versuche ihm die Distanzen klar zu machen und erkläre, dass es keine Strecken gibt, die diesen Aufwand lohnen.

Der Zug fährt mit gemächlicher Geschwindigkeit durch die weite Landschaft. Wie gesagt, geht es alles etwas ruhiger auf russischen Zügen – auch die Zuggeschwindigkeit, ich Messe mit meinem GPS-Gerät: zwischen 80 und 120 km/h.
Im Nebenabteil macht jemand zu laut Musik. Das geht natürlich nicht. Evgenia setzt ihre Mütze und ihr offizielles Gesicht auf und geht nach nebenan. Sie kommt zurück und lächelt kopfschüttelnd während sie die Mütze absetzt und jetzt sogar die Jacke auszieht.

Wie man so einen Job mit Familie macht, will ich wissen.
„Oma“ sagen Evgenia und Natascha fast gleichzeitig. Dies sei bei fast allen Zugbegleiterinnen so, obwohl die Männer manchmal zuhause seien.
Aber die Männer können das nicht, mit den Kindern. „Kann man lernen“, sage ich „Ach“, meint Natascha dazu.

Sie erzählt, dass ihr Vater in Deutschland lebt. Habe Arbeit dort als Maurer. Werde nur als Hilfskraft eingesetzt, obwohl er doch eine Ausbildung habe. Aber er verdiene gut. Nach seinem rechtlichen Status frage ich lieber nicht. Nataschas Vater freue sich auf jede Rückkehr. In Deutschland sei es ja OK, aber alles wäre so klein und eng. Ihm fehle die Weite der Landschaft. Auch Dima meint, er könne es sich nicht vorstellen in Deutschland zu leben, keine Fernzüge, keine Waggonkellner. – Das sei auch ihm alles viel zu eng.

Während wir so sitzen und plaudern, nähert sich der Zug der Grenze. Zunächst die Ausreise aus Russland: Zuerst kommen Grenzbeamtinnen (!) mit kleinen Hunden, die unter ihren freundlichen Kommandos die Abteile durchsuchen. Einige Fahrgäste bekommen ihren Hegetrieb nicht in den Griff und wollen sich vor das Hündchen hocken und es füttern. Brüsk werden sie von den Hundeführerinnen zurückgewiesen.
Es ist schon erstaunlich, wie sich von einem Atemzug zum anderen der Tonfall der Grenzerinnen ändert. Dann kommen die Zollbeamtinnen (!) und fragen ob wir etwas anzumelden haben haben „Drogen?, Waffen?, Geld?“
Und schließlich kommt noch ein Trupp Männer, zwei bewaffnete und einer mit Stempel. Er kontrolliert die Pässe und ich schaue ihn freundlich an. Das war wohl ein Fehler. Statt wie bei den anderen, Pass und Visum auf dem Gang zu kontrollieren, kommt er in mein Abteil.

Ein Blick zu Natascha und Dima und die beiden gehen aus dem Abteil. Evegnia hat das Abteil schon lange mit Mütze, Jacke und strengem Blick verlassen.
Der Grenzer wollte wissen, wo ich in Kaliningrad gewohnt habe. Als ich „Hotel“ sage, will, er die Rechnung sehen. Die finde ich aber nicht. Irgendwie ist sie im Rucksack verschwunden; habe ich überhaupt eine bekommen?
Als ich beschreibe, wo das Hotel liegt, glaubt er mir, stempelt meinen Pass und geht aus dem Abteil. Kaum ist er den Gang weiter gegangen, kommt er wieder zurück und lässt sich den Pass nochmal geben. Jetzt sitzt mir der Schreck aber doch im Nacken. Lange schaut er auf das Visum. dann klappt er den Pass zu und sagt (lächelnd!), dass ich mit diesem Visum noch einmal nach Russland einreisen kan. Er empfehle St. Petersburg oder – Moskau. Später sagen Natascha und Dima, dass man einen Grenzbeamten nicht anlächelt – das sei verdächtig. Der Zug fährt langsam weiter, um dann für die EU-Grenzkontrolle zu halten. Die erfolgt nach dem gleichen Schema, ist bei mir aber schnell und problemlos.

Als der Zug wieder seine normal Reisegeschwindigkeit aufgemommen hat, muss Natascha wieder mit ihren Souvenirs los und Evgenia, jetzt schon ohne Jacke und Mütze, aber mit Lächeln im Gesicht, bringt drei Kaffee. Evgenia fragt, ob es wohl ein Zugbegleiteraustauschprogramm gäbe. Sie würde gerne mal auf einem Zug der DB fahren. Ich fürchte, sie wäre enttäuscht. Zeit mit Gästen zu plaudern und Kaffee zu bringen hätte sie jedenfalls nicht.

Wir plaudern so dahin, unterbrochen von Wünschen der anderen Fahrgäste: Kaffe (heißes Wasser für Tee ist kostenlos aus dem samovarähnlichen Heißwasserbehälter zu haben), Süßes oder ein Rätselmagazin.
30 Minuten vor Vilnius macht sie sich wieder auf in ihr „Office“ und ich packe meine Sachen zusammen. Als ich aussteige steht Evgenia wieder, wie die anderen 11 Waggonbegleiterinnen exakt an der Linie, mit ihrem offiziellen Blick in Fahrtrichtung.
Als ich an ihr vorbeigehe und mich freundlich verabschiede meine ich, ein Lächeln husche über ihr Gesicht.

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