Vilnius

Wir hatten einen schlechten Start, Vilnius und ich. Das gebuchte Hostel teilte mir bei meiner Ankunft mit, dass das von mir gebuchte Zimmer soeben an jemand anderen vergeben wurde. Es war gerade mal kur vor fünf Uhr. Immerhin hatte sie noch eines für mich. Auf meine Frage, wo ich am Abend noch etwas zu Essen bekommen kannte, hat man mir einfach einen Stadtplan in die Hand gedrückt. Ich solle mal sehen. Insgesamt machte das Hostel nicht den Eindruck, als freue man sich über Gäste. Gut das gibt es manchmal. Vielleicht war es auch ein interkulturelle Problem und ich kann die Körpersprache und Mimik der Litauerinnen nicht richtig deuten.

Kurz nach meiner Ankunft fing es an zu regnen und das war am kommenden Tag auch so. Die Altstadt von Vilnius besteht fast ausschließlich aus Kirchen. Immerhin 40 Kirchen in der Altstadt und in ganz Vilnius mehr als hundert. Kirchen aller Konfessionen finden sich in Vilnius, katholische, verschiede evangelische Bekenntnisse, griechisch und russisch Orthodox, aber auch ukrainische. Überwiegend aber katholische und es scheint als habe der verstorbene Papst Johannes Paul sie alle persönlich besucht. Die Kirchen, sagen die Einheimischen, waren das erste, das renoviert wurde in der Stadt. Insgesamt macht die Stadt dadurch einen sehr religiösen Eindruck. Diesen Eindruck konnte auch der Vrsuch der Kommunisten unter stalin die Stadt mit ihrem symbolisch Barock zu „verschönern“ oder „Prachtstraßen“ durch die Bebauung zu schlagen nicht beseitigen.

Mein Höhepunkt in der Stadt ist die Universität. Als jesuitische Gründung aus dem 16. Jahrhundert bezeugt  den von den Jesuiten verspürten Bildungsauftrag und ist ein barockes Baudenkmal erster Ordnung. Sie ist die älteste Universität des Baltikums. Da es regnet, halte ich mich den ganzen Tag an der Universität auf und treffen dort Karen und Rovena. Sie (Rovena) studiert Jura und er (Karen) Englisch. Natürlich hat die Universität auch neuere Gebäude, die weiter Außerhalb liegen. Aber in diesem alten Teil sind Philosophie, Philologie und Jura untergebracht. Bei beiden führen mich durch die Universität mit ihren insgesamt 13 Innenhöfen. Sogar – wen wundert es in Vilnius – eine Kirche hat die Universität noch. Zwar wurde die Universität noch der ersten Aufhebung des Jesuitenordens einer staatlichen Bildungskommision unterstellt, aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der folgenden Unabhängigkeit Litauens, finden hier auch wieder Universitätsgottesdienste statt.
Die Universität hat eine ebenso wechselvolle Geschichte wie Litauen selbst. So verschieden die Herrscher, so verschieden deren Bildungspolitik.
Für mich sehr beeindruckend waren auch die nicht-akademischen Teile der Universität: die Cafés und die Mensa. Auch offen für Gäste, die dort ebenso wie die Studenten und die Universitätsangehörigen günstig und in schöner Umgebung essen können.

Karen und Rovena erzählen begeistert von der Renaissance der litauischen Sprache nach der Unabhängigkeit. Sie sind schon in dieser Zeit aufgewachsen und sprechen kein Russisch mehr.  Sie freuen sich darauf, im Rahmen des europäischen ERASMUS-Programms in die anderen europäischen Länder zu reisen. Trotz des Programms sei es allerdings sehr teuer, so dass Litauen mehr Studenten in diesem Rahmen empfange aus aussende. Sie können sich das nur leisten, weil Eltern und Verwandte viel Geld beisteuern. Beide arbeiten zudem im Supermarkt jeden Tag vier Stunden, um Geld für ihre Erasmusaufenthalte in England und Frankreich zu verdienen.

Auf meine Frage nach den von ihnen empfohlenen Sehenswürdigkeiten weisen sie mit leuchtenden Augen auf die „Republik Užupis“, einem Stadtteil auf der anderen Seite des Flusses Wilna, der seit den 1990er Jahren zu einem Künstlerviertel geworden ist. Ein Stadtteil, der sich selbst zu einer eigenen Republik erklärt hat, mit einem Präsidenten, eigener Armee (mit 12 „Soldaten“), eigenen Botschaftern in den Kulturstädten der Welt und eigener Verfassung. Ein Blick auf den Stadtplan zeigt mir, dass ich auf meinem Weg vom Hostel in die Altstadt von Vilnius durch diese Republik gekommen bin (ohne jede Passkontrolle). An meinem Weg lag auch die Wand mit dem Text der Verfassung in 18 verschiedenen Sprachen.

Insbesondere die Artikel 22-24 der Verfassung passen zur Künstlerkolonie:

  • Niemand hat das Recht, eine Ausgestaltung der Ewigkeit zu haben.
  • Jeder Mensch hat das Recht zu verstehen.
  • Jeder Mensch hat das Recht, nichts zu verstehen.

Vollständiger Texte der Verfassung hier: Užupis

Denn man sieh an allen Ecken, Häusern und Wänden Versuche zur Ausgestaltung der Ewigkeit. Zudem gibt es Galerien und Atelier in fast jedem Gebäude. Die intensiven Bauaktivitäten lassen allerdings darauf schließen, dass die Künstler bald von anderen „Kreativen“ mit Geld verdrängte werden. Noch lohnt aber der Besuch –

auch bei regnerischem Wetter.

Am nächsten Morgen überrascht mich Vilnius mit gutem Wetter und ich finde einen Platz an dem sich Vilnius von seiner besten Seite zeigen kann.

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