Riga

Bei der Ankunft im Hostel fällt mir erneut auf, dass ich immer als Erstes nach dem Pass gefragt werde. Das bin ich als EU-Bürger, der meist ins benachbarte EU-Ausland oder ins ein Land ohne EU-Außengrenze reist, gar nicht mehr gewohnt.
Ich denke sofort immer in Schengen-Abkommen- und Freizügigkeitskategorien. Hier allerdings ist die EU-Außengrenze. Die baltischen Staaten grenzen an Russland oder Weissrussland. Und da kann es durchaus sein, dass man als Rezeptionist, den Aufenthaltstitel des Gastes in irgendwelche Listen eintragen muss.

Riga, ist in jedem Fall eine Reise, auch ein weitere, wert. Riga ist, was man heute ein „hidden gem“ nennt.
Dace, meine spätere Gesprächspartnerin meinte, dass vor 2004 die meisten Menschen auf der Welt nicht wussten, wo Lettland, und erst recht nicht wo Riga liegt. Erst als Ryan Air Lettland und Riga für ein Ziel seiner Billigflüge entdeckt habe, haben es auch die Touristen entdeckt, die seitdem in großer Zahl kommen.
Insbesondere junge Leute kommen. Es gibt viele Hostels, Kneipen und Straßenmusik. Irgendwie erinnert mich Riga an das Amsterdam der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Das Nauty Squirrel Hostel ist selbst bei lettischen jungen Leuten legendär. Es war eines der „ersten seiner Art in den EU-Ländern der ehemaligen Sowjetunion“. So bezeichnet der australische Gründer und Besitzer es jedenfalls selbst.
Die andere Institution ist „Paddy Wheelers Irish Pub“. Auch das erste seiner Art in diesen Ländern. Hier trifft man nicht nur Touristen, sondern auch viele „locals“. Hier gibt es neben den unvermeidlichen irischen Trinkspezialitäten auch eine Menge lokaler Biere, die – für mich überraschend – den englischen Bitter-Bieren sehr ähnlich sind.

In Riga habe ich die Free Walking Tours wiedergefunden. Die jungen Leute, die ohne Buchung zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer Stelle stehen und mit einer Gruppe losziehen, ohne eine Vorausbezahlung zu verlangen sondern, bei Gefallen, ein Trinkgeld erbitten. Zum ersten Mal gesehen hatte ich das in Budapest, wo dies sehr professionell gemacht wird. In den baltischen Staaten findet dies seine Entsprechung in den Free Tours. Hier erkennbar an einem gelben Koffer, den die jungen Stadtführer am Treffpunkt bei sich tragen. Wegen des strömenden Regens hatte ich in Vilnius diese Tour nicht gemacht. In Riga aber war schönes Wetter, so dass ich um 12 Uhr am Treffpunkt war.

Dort wartete Dace, die sich als Führerin „Bob“ nennt, auf uns. Sie ist nicht so gut auf die Stadtführer anderer Organisation oder Firmen und die freien Einzelführer zu sprechen, erfahren wir in den ersten Minuten. Diese hätten denselben Treffpunkt wie die sehr erfolgreichen Free Tours gewählt. Sie nutzten damit nicht nur die Popularität der Free Tours. Es sei auch so, dass vor allem die Einzelführer und die kleinen Organisationen, die Touristen ansprechen, wenn diese auf den Führer von Free Tours warteten. Sie behaupteten dann, dass diese Tour nicht stattfinde und  böten dann ihre Dienste an.
Das klang mir doch ein wenig nach frühkapitalistischer Räuberpistole, so dass ich am nächsten Tag die Probe gemacht habe. Um ca. 11:30 habe ich mich auf dem Platz vor dem Westportal der Petrikirche eingefunden. Nach ca. 10 Minuten wurde ich von einem älteren Herrn angesprochen. Er offerierte Stadtführungen in deutscher und englischer Sprache. Auf meinen ablehnenden Hinweis, dass sich auf die Leute von Free Tour wartete, sagte er mir tatsächlich, dass diese heute nicht stattfinde. Auf mein insistierendes Nachfragen ergänzte er noch, dass diese jungen Leute ja gar nicht diese schöne Altstadt zeigen würden, immer nur das schmutzige Riga. Die hätten ja keine Ausbildung und Lizenz. Er fuchtelte dann mit einer Karte herum, die er um den Hals hängen hatte.

Ja, der Markt ist umkämpft und in einer frühen Phase, wie mir scheint. Einzelkämpfer, Alternative und hocheffiziente Organisationen mit Bussen und Fährrädern buhlen um die Gunst der Touristen.
Eine Harmonisierung und Bereinigung wie in Danzig hat noch nicht stattgefunden. Der Kunde „Tourist“ bekommt noch keine standardisierte Dienstleistung. Aber wer will schon Gästeführer, die einem nichts anderes erzählen als das, was man auch hätte in einem Buch nachlesen können. Free Tour ist noch überraschend und subjektiv.

Das genau nämlich verspricht uns „Bob“, als sie ihre 11 Teilnehmer um sich versammelt. An ihrem gelben Koffer haben wir sie erkannt. Sie zeige uns ihre – auch skeptische – Seiten von Riga, verspricht sie, werde aber auch nicht die prosperierenden Teil der Stadt vergessen.

Wir machen uns auf in Richtung Moskauer Viertel. Den Teil der Stadt, der seinen Boom hatte, als die Reichen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen Platz für ihre Jugendstilhäuser suchten. Später wurde er dann bewohnt von Menschen, die man nicht in der inneren Stadt haben wollte. Nun sei er hauptsächlich bewohnt von Russen, die immerhin ca. 45% der Bevölkerung Lettlands (vielleicht mehr in Riga) ausmachen. Allerdings heißt das Viertel schon immer „Moskauer Viertel“ und zwar nach der großen „Moskauer Straße“, die in ihrer Verlängerung direkt nach Moskau führe, wie es heißt.

„Bob“ zeigt uns auch die Markthallen, die größten ihrer Art, die ich je gesehen habe. Die Hallen wurden als einstmals größte Zeppelinwerft gebaut. Die Rigaer Stadtregierung kauft sie von der deutschen Armee, als diese nach Westen abzogen und baute sie in der 1920er Jahren zu Markthallen um. Einst waren diese Markthallen die modernsten der Welt mit kurzen Wege (Fleisch: Schlachthofanlagen unter der Verkaufshalle für Fleisch), Aufzügen und Kühlaggregaten. Heute wirkt alles etwas antiquiert, aber geschäftig. Es fällt auf, dass sehr viele sehr alte Menschen hier einkaufen. „Bob“ meint, das Einkaufen in den Markthallen sei ein veraltetes Konzept. In 20 Jahren, prophezeit sie, sei hier eine Techno-Disco.

Sie zeigt uns das alte Hafenviertel mit seinen Stapelgebäuden, die hier nicht wie in Hamburg oder Bremen mehrstöckig in die Höhe gebaut sind, sondern eher aussehen wie übergroße Scheunen. Lange Zeit, erzählt sie, standen die Gebäude leer und verrotteten. Bis ein junger Mann „mit Hornbrille, MacBook und teurem Fahrrad“ hier ein erstes „Kreativstudio“ eröffnete. Heute entwickelt sich hier alles zu einem Viertel für Kreative mit Galerien, Ateliers und Werkstätten.

Sie zeigt uns „Stalins Geburtstagstorte“ einer von neun typischen Wolkenkratzer, von denen Stalin sieben („die sieben Schwestern“) in Moskau errichten ließt. Ein weiteres steht in Warschau (Kulturpalast) und eben dieses hier, das zu Stalins Geburtstag errichtet wurde und heute die Akademie der Wissenschaft beherbergt.

Sie zeigt uns das Denkmal für die Menschen in Lettland, die verfolgte Juden vor den Nazis retteten. Natürlich gäbe es auch Denkmäler für die Verfolgten des Naziregimes und des Stalinismus. Aber dieses sei etwas besondere, es zeige, dass es auch die anderen gab und wie multikulturell Lettland und Riga war. Ein genauerer Blick auf die Namen zeigt das: Wir finden neben lettischen auch litauische, finnische, polnisch, russische und deutsche Namen.
„Bob“ nimmt das zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass, wenn man über die Geschehnisse im und rund um den 2. Weltkrieg spreche, man nicht von Nationalitäten sprechen solle, sondern von konkreten Gruppierungen, Parteien und Regierungen. Nicht die Russen hätten die Letten verfolgt, sondern die Kommunisten die nicht linientreuen Letten; nicht alle Letten seien Nazikollaborateure gewesen, sondern bestimmte faschistische Gruppen und auch nicht die Deutschen hätten die Juden verfolgt und umgebracht, sondern Nazis, die Faschisten. Sie wirbt für einen differenzierten Blick auf die Geschichte. Nur so sei ein Zusammenleben in multikultureller Umgebung möglich.

Schließlich zeigt sie uns noch den einstmals sehr lebendigen Bahnhof. Dieser ist aber an seinem einen Ende völlig verwahrlost. Nur noch vier von den einstmals 18 Gleisen seinen in Betrieb – mit Regionalzügen. Der Fernverkehr wird inzwischen nur noch mit Bussen abgewickelt. Das Empfangsbebäude wurde in ein riesiges, mehrstöckiges „shopping center“ und Kaufhaus verwandelt, in dem man den Zugang zu den noch aktiven Gleisen suchen muss. Das Ticketoffice konnte ich nur mit Mühe finden. Dort sagte man mir dann später, was sich befürchtete: kein Zug nach Tallinn. Auch Umsteigeverbindungen gäbe es nicht.
Vielleicht war letztere Auskunft auch ein Verständigungsproblem. Jedenfalls ist eine Umsteigeverbindung nicht so üblich, dass sie der Dame hinter dem Schalter gleich eingefallen wäre. Als ich ihr Thomas Cooks Fahrplan hinhalte, schüttelt sie nur den Kopf.

„Bob“ zeigt uns noch den günstigsten Ausgangspunkt um zur Altstadt zurückzukehren, dann beendet sie die Tour. Für uns alle kam das etwas plötzlich. Sie erklärte das damit, dass sie noch etwas müde sei vom „Poweryoga“, das sie am Vormittag gemacht habe. Ich hatte den Eindruck, dass sie keine Lust mehr hatte. Vor allem die Fragen nach der Kriminalität und der Hygiene in der Stadt von der mitgehenden Österreicherin zu beantworten.

Nach der Tour verwandelt sich „Bob“ wieder in Dace, eine 29jährige Lettin, die – nicht überraschend – Geschichte studiert hat. Sie sei auf „dem Land“ aufgewachsen und ihren Erzählungen entnehme ich, dass sie sehr an ihrer Familie hängt. Ihren Masterabschluss in Geschichte gibt sie als Grund dafür an, dass sie noch nicht, wie ihre Altersgenossinnen, verheiratet ist. Jedenfalls meinte ihre Großmutter, sie solle nicht („zu viel“) studieren. Kein Mann wolle eine Frau mit Masterabschluss. Ob sie das glaube frage ich, sie lacht: „Naja, und die lettischen Männer seien hässlich.“

Dace kennt sich in der jungen wechselvollen Geschichte Lettlands gut aus. Sie meint, dass sie es diesmal schaffen müssten mit der Unabhängigkeit. Der Euro, der in zwei Jahren kommen solle, sei ein weiterer Baustein dafür. Lieber souveräner Teil der EU, als wieder Teil eines anderes Landes. Sie meint, dass die Bevölkerung den Euro eigentlich nicht will, weil man Angst habe dann auch für die Griechen bezahlen zu müssen. Lettland ist Nettoempfängerland.

Eine Frage interessiert mich noch brennend: Wie steht Dace zu den Nichtbürgerpässen, die fast 50% der Bevölkerung haben, weil sie keine Letten sind. Das betrifft in der Mehrzahl die russischsprechenden ehemaligen Sowjetbürger. Lette ist, wer 1940 Bürger der Lettischen Republik war oder dessen Nachkomme ist. Meine Gesprächspartnerin sieht darin kein Problem, weil doch jeder einen lettischen Pass bekommen kann, der das entsprechende Examen besteht, ein Sprach- und Geschichtstest. Dass dies für einen großen Teil der bildungsfernen nichtlettischen Bevölkerung eine echte Hürde sein kann, sieht sie nicht so. Sie nennt das Examen „einfach“. Sie meint, dass sei Teil der Bemühungen an der Unabhängigkeit (von Russland) festzuhalten.

Es habe eine Befragung gegeben, ob Russisch als zweite Amtssprache eingeführt werden soll. Immerhin 25% der stimmberechtigten Bürger hatten dafür gestimmt. Dace meint, dass glücklicherweise die – mehrheitlich russischsprachigen – Nichtbürger nicht stimmberechtigt waren. Sonst wäre die Abstimmung wohlmöglich anders ausgefallen und sie wäre ausgewandert. Was sie denn mit den Russen so schlimmes erlebt habe, will ich wissen. „Nichts“, sagt sie, aber ihre Großmutter hätte vieles erzählt.
Auch berichtet Dace mit leiser und gesengter Stimme von Verschwörungen und Verschwörungstheorien, wie die Russen mit ihrem Geld Einfluss in Lettland und damit auf die Europäischen Union gewinnen wollen.
Da ist sie hin, die professionelle Distanz und ihr Hinweis, nicht von Nationalitäten zu sprechen und die Menschen zu sehen und nicht die Nationalität.

Den nächsten Tag verbringe ich allein Riga und lasse mich durch die Altstadtgassen treiben. Ich gehe auch auf die andere Seite der Daugava, wo die Plattenbauten stehen und die breiten Straßen Schneisen durch die Häuserschluchten schlagen. Leider sind die Ufer auf beiden Seiten des Flusses auch nur von breiten Straßen gesäumt. Auf dem Weg durch diese Straßen frage ich mich welche Autos eigentlich zu kommunistischer Zeit über diese riesigen Straßen gefahren. So viele wie heute können es doch nicht gewesen sein?

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